Aktuelles zu den Diskussionen in den DenkwerkstättenZurück

3.6.2021

Welten verbinden und Räume schaffen

Über einen Zeitraum von mehreren Monaten identifizieren und erarbeiten Menschen aus allen Teilen der Deutschlands in Denkwerkstätten Fragen- und Aufgabenstellungen, die heute das interkulturelle Miteinanderleben bestimmen – fördernd oder verhindernd.

Im Vordergrund dieser Online-Expert*innentreffen stehen Erfahrungen aus der Praxis, rückgekoppelt mit der Ebene politischer und wissenschaftlicher Expertise. Die Denkwerkstätten dienen zunächst der regionalen Bestandsaufnahme, bevor diese Erfahrungen in eine bundesweite Denkwerkstatt und einen Bundesfachkongress Interkultur  zusammengeführt werden.

Die interkulturellen Denkwerkstätten werden durch das Bundesprogramm Demokratie leben! gefördert und in Zusammenarbeit mit dem Forum der Kulturen Stuttgart umgesetzt.

EIN ERSTER AUFSCHLAG

Corona hat uns alle ausgebremst. Die Angst wie die notwendigen Gegenmaßnahmen haben direkte Kommunikation verhindert, Isolation befördert, ungleiche Lebensbedingungen ungleicher gemacht, gemeinsame Alltagserfahrungen heruntergefahren, gemeinsame Erlebnisräume zerstört.

Bisherige Denkwerkstätten haben sich auf den gesellschaftlichen Bereich der Kultur wie der Soziokultur, der – kulturellen – Bildung, der interkulturellen Begegnungsmöglichkeiten fokussiert. Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der kulturellen Vielfalt, von Ausgrenzung, Demokratiefeindlichkeit und Rechtspopulismus spielen dabei eine immer größere Rolle.

Der Erfahrungsaustausch interkulturell arbeitender Praktiker*innen spielt eine große Rolle. Interkulturelle Öffnungsprozesse sind für uns genauso spannend wie deren Behinderung, gelungene Partizipationsprozesse ebenso wie Ausgrenzungen bis hin zu rassistischen Verhaltensweisen und politischen Vorgaben und Reaktionen, vor und während, trotz und wegen der Pandemie.

Der Erfahrungsaustausch über diversitätsorientierte Öffnungsprozesse und gelungene Partizipation soll befördert werden, um einer gesellschaftlichen Spaltung durch rassistisches und menschenfeindliches Verhalten entgegen zu wirken. Wir möchten gemeinsam Wege in eine offene und tolerante kommunikative Zukunft finden.

GESPRÄCHE ERMÖGLICHEN & GEMEINSAM ZUHÖREN

Um die Videokonferenz zum Vernetzen effektiv zu nutzen und für weitere Veranstaltungen anschlussfähig zu halten, wurden den Eingeladenen im Vorfeld einige Fragen zugeschickt. Neben Fragen zu konkreten Projekten und allgemeinen Aufgaben im jeweiligen Arbeitsbereich, wurde in dieser Denkwerkstatt ein besonderer Fokus auf die Herausforderungen in der kulturellen Bildungsarbeit in Brandenburg und im ländlichen Raum gelegt.

Auch in Brandenburg ist der Trend der sogenannten „Shrinking Spaces“, die u.a. den Druck von antipluralistischen politischen und gesellschaftlichen Kräften auf vielfältige und demokratische Akteure beschreiben, erlebbar.

Antirassistische Bildungsarbeit war ein rahmendes Thema. Das zeigte sich u.a. daran, dass Beratung zu Gewaltproblematiken, Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bei den Teilnehmenden beständig stark nachgefragt wurden. Die Notwendigkeit verstärkter politischer Bildung wurde angemahnt

Dabei lohnt es sich genau hinzuschauen, um die Erfolge nicht zu übersehen, die die Debatten auf Bundesebene nicht abbilden können. Deutschlandweite Debatten haben oft keine Durchschlagkraft auf lokaler Ebene und vice versa. In den Gesprächen wurden Innovation und Vielfalt ebenso sichtbar wie die Probleme lokale Themen an gesamtgesellschaftliche Debatten anzuschließen. Trotz vieler Erfolge wurde von allen Teilnehmenden selbstkritisch konstatiert, dass ebenso noch viel zu tun ist, auch in Bezug auf die eigene Perspektive auf interkulturelle Öffnung in unserer Gesellschaft.

In der Diskussion wurden einige Projekte vorgestellt. Darunter unter anderem eines zur Lehrkräftefortbildung von Ljuba Kirjuchina an der Uni Potsdam. Um Rassismus und Antisemitismus auf dem Schulhof zu bekämpfen, hat sie zusammen mit Kolleg:innen ein Pilotprojekt gestartet. Alle Lehramtstudierenden der Uni Potsdam sollen dabei Werkzeuge an die Hand bekommen, um mit dem Rassismus und Antisemitismus an den Schulen umzugehen und insbesondere auf Eltern einzuwirken, die entsprechende Gedanken in die Schulen einbringen.

Benno Plassmann stellt zwei Projekte vor und sieht dabei Vorteile, sich auf Themen fokussieren zu können, anstatt sich mit einem Programm an die Gesamtgesellschaft richten zu müssen, wobei sichergestellt sein muss, dass kein Antagonismus zwischen einzelnen Personen und Gruppen aufgebaut wird. Ein erfolgreiches Projekt ist das „Theater der Anonymen“, das sich mit kulturellen Teilhaberechten von Betroffenen von Menschenhandel beschäftigt. Die Ebene der unsichtbaren Menschenrechtsverletzungen sichtbar zu machen, ist hier das Ziel.

Das zweite von ihm vorgestellte Projekt Chasak - Gegen Antisemitismus im ländlichen Raum beinhaltet u.a. auch die Positionierung gegen den ursprünglich geplanten Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam. Vielmehr arbeitet das Projekt in einem Netzwerk von Initiativen mit, das dort ein Zentrum entstehen lassen möchte, das sich geschichtsrevisionistischen Tendenzen entgegenstellt, Räume des Dialogs schafft und sowohl kritische Bildungsarbeit gegen aktuellen Antisemitismus in allen Formen, als auch antirassistische Bildungsarbeit aus antikolonialen Perspektiven heraus ermöglicht.

Eine Frage, die Dr. Ali Konyali umtrieb war, wie man Antagonismen auch in der Zivilgesellschaft überwinden kann, die teils auch wegen der Auseinandersetzung um knappe Ressourcen entstehen. Der Schlüssel für Dr. Konyali sind Allianzen, Kooperation und die Anerkennung von Kontinuitäten. Zunächst müssen antisemitische genauso wie koloniale und postkoloniale Kontinuitäten anerkannt werden. Dann müssen gemeinsame Interessen in den Vordergrund gestellt werden. Gefordert ist ein Widerstand gegenüber systemischen Ungerechtigkeiten. Dabei sind für ihn Community-übergreifende Allianzen von entscheidender Bedeutung.

Für Alfred Roos ist das die theoretische Ebene. Die RAA sei gut vernetzt, aber es gebe in Brandenburg keine vielfältige große Zivilgesellschaft wie in anderen Bundesländern. Das läge auch an der besonderen Migrationsgeschichte in Brandenburg. Themen, die interessieren, sind derzeit das, was bei dem Satz „Integriert doch erstmal uns!“ – dem Titel von Petra Köpping – mitschwinge. Zum Aufgreifen der Themen in Brandenburg müsse man die Sprache der Menschen jenseits von Potsdam sprechen. Mit Sorge betrachtet er dabei, dass rechte Einstellungen unter den Jugendlichen nach einer Studie des IFK Potsdam,  – auch unter dem Einfluss der nun erwachsen und Väter gewordenen Baseballschläger schwingenden Neonazis aus den 90er-Jahren – in Brandenburg erstmals seit damals zugenommen hätten.

Darauf aufbauend erinnert Marianne Ballé Moudoumbou an die anstehenden Wahlen in Deutschland 2021. Gerade in einem Wahljahr sollten die Synergien zwischen den vielen Initiativen genutzt werden, um vor allem Forderungen der Agenda 2025 der Bundeskonferenz der Migrant:innenorganisationen in die politische Debatte einfließen zu lassen. Diese Forderungen gehen u.a. weiter als die Maßnahmen des Kabinettsausschusses der Bundesregierung. Zusätzlich dürfen keine weiteren Kürzungen der Mittel für die beteiligten Organisationen mehr stattfinden, damit europäische oder nationale Strategien gegen Rassismus und jede Form von gruppenbasierter Diskriminierung auf Landes- und kommunaler Ebene tatsächlich umgesetzt werden können und dazu z.B. Beratungsstellen weiter qualifiziert und fortgebildet werden.

Der ausgeprägte Wunsch aller Teilnehmenden, Synergien zwischen den verschiedenen Communities zu schaffen, hat u.a. die Relevanz loser Netzwerke zur Koordinierung der Zusammenarbeit auf der lokalen und regionalen Ebene erhöht. Diese Arbeitsweise ist allerdings nach wie vor gekennzeichnet vom Mangel an finanziellen Ressourcen und von der Konkurrenz zwischen verschiedenen Communities, die es zu überwinden gilt. Die gewünschten Synergien könnten vor allem in Form von Weiterbildung von Lehrern und Praktikern fruchtbar werden. Die Rolle der Uni Potsdam in der Aus- und Weiterbildung wird genannt, auch die RAA bietet Unterstützung an.

Fortzusetzen ist die Diskussion darüber, wie die Bemühung um eine lokale politische Plattform gegen Rassismus insbesondere auf lokaler Ebene zu intensivieren sei.

Zum Schluss der Debatte stand jedoch deutlich der Wunsch aller Teilnehmenden nach der Schaffung eines gemeinsamen Denkraums, sich nicht ausspielen zu lassen und aus den gemachten Fehlern vor, während und nach der Wiedervereinigung zu lernen. Systematisch lokale Themen und Perspektiven sichtbar zu machen, Debatten zu vernetzen und die wenigen Ressourcen Community-übergreifend zu nutzen, um systematische Ungerechtigkeiten in unseren Gesellschaften zu überwinden, wurden als Chance für alle Arbeitsbereiche gesehen.

Regelmäßige Denkwerkstätten tragen dazu bei, dass wir mehr voneinander wissen, unsere Arbeitsschwerpunkte kennen, unsere Strategien und unsere Erfolge teilen können.

WER WAR DABEI?

Eingeladen wurden neben Akteur*innen des Ratschlags auch Akteur*innen des „Kulturland Brandenburg“, der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg sowie der regionalen Partnerschaften für Demokratie.

 

Ali Konyali                                         DeZIM

Benno Plassmann                             Institut für Neue Soziale Plastik / Projekt Chasak! - Gegen Antisemitismus im ländlichen Raum.

Ljuba Kirjuchina                                Uni Potsdam

Brigitte Faber-Schmidt                      Kulturland Brandenburg

Ulrike Erdmann                                  Plattform Kulturelle Bildung

Charlotte Reinl                                   Koordinierungsstelle „Tolerantes Brandenburg/ Bündnis für Brandenburg“

Karin Kranhold                                  Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg / Regionalbüro Kulturelle Bildung Potsdam

Alfred Roos                                        RAA Brandenburg Demokratie und Integration Brandenburg e.V.

Deniza Petrova                                  Regionalbüro Kulturelle Bildung Eberswalde

Marianne Ballé Moudoumbou          DaMOst / PAWLO / BKMO

Breschkai Ferhad                               Bundesweiter Ratschlag kulturelle Vielfalt

Dorothea Kolland                               Bundesweiter Ratschlag kulturelle Vielfalt

Sebastian van Ledden                       Bundesweiter Ratschlag kulturelle Vielfalt

Christian Mieß                                    Bundesweiter Ratschlag kulturelle Vielfalt

 

WEITERFÜHRENDE LINKS

Theater der Anonymen

https://neue-soziale-plastik.org/weitere-projekte/theater/theater-der-anonymen

Chasak

https://neue-soziale-plastik.org/chasak/veroeffentlichungen

DOKUMENTATION

Diese Dokumentation finden können Sie hier auch vollständig als .pdf-Datei herunterladen.

KOOPERATIONSPARTNER

Die Brandenburger Denkwerkstatt wurde in Zusammenarbeit mit Kulturland Brandenburg und der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg geplant und veranstaltet. 

Die Interkulturellen Denkwerkstätten 2020/21 wurden gefördert von Demokratie leben! und in Zusammenarbeit mit dem Forum der Kulturen Stuttgart umgesetzt.

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